04.07.2015

ENDLICH SOMMER


Sogar in Berlin

Endlich gibt es ein neues Thema in der Stadt. Eins, wo wirklich jeder mitreden kann. Und nicht nur das. Jeder darf auch eine eigene Meinung dazu haben, denn jeder ist informiert. Meistens sogar gut, was nicht selbstverständlich ist. Oft werden ja Themen thematisiert von Leuten, die gar keine Ahnung haben, also vom Thema jetzt.

Eigentlich wollte ich nochmal was über das Klagenfurter Kasperle Theater schreiben, was aber nicht geht. Wer schreibt schon bei Hitze, und dann auch noch gut? Das meiste bei Hitze geschriebene ist bestenfalls Banal. Banal scheint überhaupt gerade DAS Wort zu sein, und seine Steigerung: Banaler und Bachmann - mit und ohne Preis.

Mein Spiegel verrät mir, dass heute nicht mehr 1998 ist. Aber wie war der Sommer 1998? Wahrscheinlich nicht so heiß wie der heute, denn das Sommerhaus gab's erst später, wenn überhaupt. Berlin soll kein Ort mehr für Menschen sein, die alle Zeit der Welt haben. Das ist klar. Bei der Hitze! Aber warum abhetzen, wenn man gar nichts vor hat?

Meine Taxe hat zwar Klimaanlage, aber ich schalte sie nicht ein. Das ist schlimm, meinen meine Fahrgäste, denen ich erzähle, dass sie kaputt wäre. Klimaanlage sei so wichtig wie Aspirin, sagen sie, was stimmen mag. Aber warum immer gleich irgendwas schlucken oder irgendeinen Knopf drücken, wenn es mal nicht so läuft wie gedacht.

Warum nicht mal was anderes machen? Was anderes? Was soll das sein? Natürlich kennen sie das andere nicht. Wie denn auch? Sie kennen ja nicht mal das, was sie denken zu kennen. Facebook, Twitter, Clouds und wie das alles heißt. Überall müssen sie sich präsentieren, und das permanent, gleich und natürlich sofort.

Andere müssen das "nur" aushalten. Wobei aushalten gar nicht schlecht ist. Gut, man muss nicht alles aushalten. Manchmal hilft auch ausschalten. Aber aushalten ist prinzipiell der richtige Weg, denke ich. Beispielsweise das kleine Kopfweh. Warum nicht mal 'en kalten Waschlappen drauf und aushalten. Und dann natürlich die Hitze. Wieso die nicht einfach mal aushalten? Ohne Klimaanlage. Ohne Ventilator. Ohne jemandem, der einem ständig kühle Getränke servieren muss. Cool kann man auch ohne Sonnenbrille sein.

E i n f a c h m a l a u s h a l t e n .

Foto&Text TaxiBerlin

WARUM ALLE IDIOTEN NACH BERLIN KOMMEN


Hannah-Arendt Ecke Wilhelmstraße / früher Mitte / heue Neue Mitte

Das frage ich mich schon lange, und natürlich frage ich auch meine Fahrgäste. Manche kommen wegen dem Job. Welchem Job? Andere wegen dem Partner. Was für'n Partner? Die meisten kommen wegen Party machen und Artverwandtem. Keine Party zu Hause?

Ich meine, so vielen wäre geholfen. Zu Hause, da sind sie unter Kontrolle. Da sind die Eltern und die Großeltern, die sich um sie kümmern können, wenn mal was ist. Und was ist ja immer mit ihnen. Und wenn sie einem nur im Weg rumstehen. Wobei das zu Hause viel einfacher ist, denn da kennen sie sich wenigstens aus.

Aber nein, das reicht ihnen mal wieder nicht. In Berlin ist im Weg rumstehen viel interessanter. Zu Hause interessiert das keine Sau, denn da kommt keiner vorbei, dem sie im Weg rumstehen könnten. Wahrscheinlich würde es noch nicht mal einer mitbekommen. Oder sie stehen gleich den ganzen Tag irgendwo im Weg rum.

Aber dazu hat heute gar keiner mehr Zeit. Die jungen Leute haben es heutzutage so eilig, sie müssen gleich auf der Straße rumfahren, um anderen im Weg rumzustehen. Sie sind ständig so gehetzt, obwohl sie gar nichts vorhaben, außer eben im Weg rumstehen. Das klingt nach Spielplatz, ist aber genau das Gegenteil.

Berlin ist die definitive Freakshow, das Eldorado für alle möglichen und unmöglichen Macken, das Sanatorium von Großstadt-Neurosen und Provinz-Psychosen, das Babel der Coolen und Obercoolen, das Mekka der geistig Gestörten und mental Behinderten, ein einziger Zoo voll Ausgestopfter, die behaupten noch zu leben.

Foto&Text TaxiBerlin

03.07.2015

NEUE BERLINER BETROFFENHEITSPROSA


Betroffener

Heute habe ich mal wieder geraucht, was ich sonst nie tue, und jetzt geht es mir schlecht, was keine Überraschung ist, weil ich eigentlich nicht rauche, also Zigaretten meine ich. Was anderes habe ich sowieso nie geraucht. Also gut, so gut wie nie, aber das ist eine andere Geschichte. Was mich gerade jetzt zur Zigarette greifen ließ, kann ich nicht genau sagen. Mir war einfach so.

Jedenfalls musste ich schnell auf Toilette, notfallmäßig sozusagen, und dort gab es kein Toilettenpapier. Das kommt vor. Aber es kam noch schlimmer. Es gab auch keine feuchten Tücher, und die sind, zumindest mir, mindestens genauso wichtig wie das Toilettenpapier, und zwar zur Anuspflege, die völlig unterschätzt ist, aber das nur nebenbei. Ich war, wenn man so will, am Arsch.

Ich also los zu ALDI, denn nur dort gibt es das Toilettenpapier der Marke SOLO, meinem Favoriten. Und überhaupt, wer scheißt schon gerne im Duett. Danach dann gleich noch zu ROSSMANN, ist schließlich ein Weg, wegen den feuchten Tüchern mit dem schönen Namen BABYDREAM, die von mir nach jahrelanger Prüfung als MERCEDES der Anuspflege examiniert sind. (Wenn ich schon keinen MERCEDES fahre ...)

Dann zurück nach Hause, beide Hände voll, in der einen SOLO und in der anderen BABYDREAM, was kein Problem ist, wenn da nicht der Bettler gewesen wäre, der da steht, wo er immer steht. Was sollte ich tun? Was war angemessen? Wie gesagt, beide Hände voll, und der Anus ungepflegt, was der Bettler nicht wusste - aber eben ich!

Mit gesenktem Blick am Bettler vorbei und schweißgebadet, auch wegen der Hitze, zurück nach Hause, immer noch beide Hände voll. Was mache ich? Direkt unter die Dusche! Nicht nur den Euro für den Bettler, sondern auch gleich noch Toilettenpapier und feuchte Tücher sparend! Pitschnass vom Duschen fühle ich mich plötzlich schlecht. Schon wieder. Oder immer noch. Wer weiß das schon so genau. Ich muss an die Flüchtlinge denken, die im Mittelmeer ertrinken.

Das war schlimm. Das kannst Du mir (Foto) glauben! Noch schlimmer war nur, dass mir auch noch die Papiertaschentücher ausgegangen waren, deren Namen mir partout nicht einfallen wollte, die mich aber trotzdem gleich nochmal loslaufen ließen ...

Foto&Text TaxiBerlin

02.07.2015

IM TAXI MIT RONJA VON RÖNNE


Berlin grüßt Klagenfurt

Bevor es losgeht, etwas in eigener Sache. In Zukunft werde ich wohl weniger zum Schreiben kommen, was aber nicht an mir liegt, sondern an der Parkraumbewirtschaftung. Die gibt es seit einiger Zeit auch in meinem Kiez, und sie macht meine Wege vom und zum Taxi mit jedem Tag länger, weil Taxen, die heute hier und morgen dort parken, eigentlich einen Aufkleber für mehrere Zonen bräuchten, ihn in der Regel aber für keine Zone bekommen. Und da die Kosten für's Parken nicht mit dem Mindestlohn kompatibel sind, muss ich das Taxi jetzt immer weit weg in Lichtenberg und manchmal auch in Hohenschönhausen abstellen; und es ist auch schon vorgekommen, dass ich länger zum Taxi gelaufen bin, als dass ich im Taxi saß.

Dort, also in meinem Taxi, hat mir neulich Ronja von Rönne gesessen, was ich aber erst gestern Abend vorm Fernseher realisiert habe, mit wem ich da beinah aneinander geraten bin. Sie stieg mir in Mitte ein, was ja OK ist, bestand aber darauf, im Taxi rauchen zu dürfen. Dabei wird ihr vom Rauchen immer schlecht, denn sie ist ja erst 23. Das sah sie dann auch selber ein, auch weil sie es eilig hatte, sie wollte rasch noch Berlin Mitte verrückt machen, wie sie es nannte.

Warum jemand gerade den langweiligsten Stadtbezirk der Stadt aufmischen will, verstand ich nicht, und deswegen fragte ich nach. Eigentlich wolle sie nur das St. Oberholz am Rosenthaler verrückt machen; um ganz genau zu sein nur die Leute, die dort reingehen. Auch das verstand ich nicht. Was für ein Aufwand, die langweiligsten Leute im langweiligsten Stadtbezirk aufzumischen.

(Über das St. Oberholz habe ich bereits vor vier Jahren geschrieben. Es ist ein alter und vor allem langweiliger Hut, und wer dort reingeht, ist selbst dran Schuld. Wird schließlich keiner dazu gezwungen ...)

Jetzt, nachdem ich sie gestern im Fernsehen beim Bachmann Preis in Klagenfurt gesehen habe, verstehe ich Ronja von Rönne, angeblich heißt sie wirklich so, etwas besser, wenn auch nicht ganz. Ronja hat übrigens auch einen Blog, und dort erklärt sie auch gleichmal ihr Credo, und zwar dass sie gerne geradeaus geht, aber auch jammern darf, solange sie eigentlich keinen Grund hat, was in Berlin einfach nur infantil ist, und weswegen sie jetzt auch in Klagenfurt ist.

Das mit dem geradeaus gehen, verstehe ich. Geht mir schließlich genauso. In Berlin fährt man sowieso die meiste Zeit geradeaus. Neuerdings muss ich aber auch öfters abbiegen, ich erwähnte das eingangs, und zwar wenn ich - zu Fuß - auf dem Weg vom oder zum Taxi bin. Ich hätte also allen Grund, mich zu beklagen. Aber tue ich es? Nein, ich bleibe ganz ruhig und schreibe einfach nur etwas weniger. Zum Beklagen ohne Grund fehlt mir die Zeit.

Ronja, sie ist wie gesagt erst 23, hat auch schon mal etwas über den Feminismus geschrieben, was sie heute so nicht mehr schreiben würde, zumindest teilweise. Auch das kenne ich gut. Ich würde auch viele Sachen heute anders machen als früher, und ich mache sie auch anders. Das hat allerdings zu Folge, dass mir dann wieder Gründe zum Beklagen fehlen. Ein Teufelskreis.

Laut Ronja ist der Feminismus zu einer "Charityaktion für unterprivilegierte Frauen" geworden. Und Ronja muss es wissen, denn sie ist auch total unterprivilegiert. Ich bin keine Frau. Ich kann da nicht mitreden. Mich interessieren eher so Fragen, warum Männer im Durchschnitt deutlich früher sterben, was sowohl privilegierte als auch unterprivilegierte betrifft. Das wäre doch mal ein echter Grund zur Klage, aber Ronja beklagt sich eben lieber ohne Grund.

Deswegen hat sie gestern auch das ganze Bachmann Kasperle Theater in Klagenfurt mit stundenlangen Vorstellungen von Landeshauptmännern und Sponsoren des gleichnamigen Preises, sind übrigens nur ein paar Tausend Euro, brav und klaglos mitgespielt, obwohl es nicht zum Aushalten war. Wenn man, und auch frau, ständig ohne Grund jammert, beklagt man, und auch frau, sich eben nicht mehr, wenn es gute Gründe zur Klage gibt. So ein Jammerpotential ist eben auch begrenzt. Zum Schluss durfte Ronja dann immerhin mal aufstehen und ihr Los ziehen, in dem der Tag und die Stunde stand, zu der sie lesen muss. Sagen durfte sie nichts, und rauchen durfte sie auch nicht. Die Ärmste.

Immerhin die roten Lippen kamen an. Aber nur rote Lippen und irre Haare bringen keine Klicks und Likes, die Ronja so wichtig sind. Und trotzdem habe ich das ungute Gefühl, dass Ronja von Rönne irgendeinen Preis gewinnen wird. Auf jeden Fall den Publikumspreis, der ist ihr sicher - denke ich. Dafür reichen ein paar rote Lippe und die Haare irr im Gesicht. Den Schmollmund nicht vergessen! Und wenn die Zigarette aus ist, darf sie die sicherlich auch in Klagenfurt für ein Foto mal in der Hand haben.

Was Ronja von Rönne sonst so schreibt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber wer weiß schon, was Ingeborg Bachmann geschrieben hat? Und wer hat es auch wirklich gelesen? Ingeborg Bachmann soll sich, dass ist aber nur eine unbewiesene Behauptung, übrigens Hochgeschlafen haben. Das nenne ich originell und würde es, selbst wenn es nicht stimmt, was sehr wahrscheinlich ist, beim Jammern auch ohne Grund auf jeden Fall durchgehen lassen.

PS fällt mir doch noch was ein, was Ingeborg Bachmann geschrieben hat, und zwar dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

Foto&Text TaxiBerlin

SUCHE LOCH IN BERLIN


Weißes Loch

Ich bin, einige wissen das, nicht nur Taxifahrer sondern auch ein kleiner Gourmet, und als solcher suche ich ein Loch in Berlin, allerdings kein schwarzes, und auch kein weißes, sondern eins in der Erde, um darin ein Lamm oder zumindest eine Keule davon, oder war es doch ein Zicklein, wer weiß das schon so genau, zuzubereiten.

Ich weiß, das klingt jetzt alles etwas skurril, was es auch ist, gleichzeitig ist es aber wahr und auch die Wahrheit. Man kann in einem Erdloch ein Lamm zubereiten. Man braucht dazu nur einen Spaten, etwas Holz und natürlich ein Lamm. Aber vor allem braucht man Zeit. Ungefähr vier Stunden dauert die Zubereitung.

Wir haben sowohl Zeit als auch Holz, und selbst das Lamm, oder eben die Ziege, sollte kein Problem sein. Uns fehlt ehrlich gesagt nur das Loch. Da sind wir gerade überfragt, aber vielleicht kannst Du uns ja weiter helfen, und übrigens suchen wird auch noch ein Mitesser.

Foto&Text TaxiBerlin

01.07.2015

TAXIBERLIN ESSEN SEELE AUF


Fliegende Schwäbische Seele

Ich habe nichts gegen Schwaben - ehrlich! Aber einige von ihnen sind einfach etwas Monothematisch. Das muss ich schon sagen. Es geht immer nur um den Bausparvertrag, den ich nicht habe. Ein paar Schwaben können aber auch kochen, und einige wenige sogar backen. Und zu denen fühle ich mich hingezogen. Um genau zu sein, zur Schwäbischen Seele. Mit etwas Butter - extrem lecker!

Foto&Text TaxiBerlin

30.06.2015

SO TRINKT BERLIN


Samariterstraße / früher Friedrichshain
heute Friedrichshain-Kreuzberg

Es ist Monatsende, und eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass es sich lohnt, da mal die eigenen vier Wände zu verlassen und etwas durch die Straßen zu ziehen, denn am Monatsende wird traditionell umgezogen, und da lassen die Leute gerne mal ein paar Sachen vor ihrer alten Wohnung stehen und auch lieben.

Ich habe gestern zum Beispiel eine Schallplatte mit Musik von Händel gefunden und eine Packung Buntstifte. Außerdem waren da noch viele Bücher und Hefte, mit denen man Deutsch lernen konnte, die ich aber liegen gelassen habe. Da gibt es Bedürftigere als mich.

Die Schallplatte habe ich an der nächsten Ecke spontan weiter verschenkt, und zwar an ein Paar, dass am dortigen Café rumsaß und seinen Latte trank. Ich sagte zu dem Typen, dass ich die Platte endlich gefunden hätte, die er schon lange von mir haben wollte.

Er, also der Typ, nicht dumm und spielt das Spiel mit. Das wäre aber vor zehn Jahren gewesen, was stimmt, und jetzt hätte er gar keinen Plattenspieler mehr. Dafür könne ich ja nichts, dass er keinen Plattenspieler mehr hat. Dann schenke ich sie eben deiner Freundin.

Das tat ich dann auch, und sie freute sich auch artig, aber nicht etwa über die Platte, sondern mehr über meinen Spruch, dass der auf dem Cover viel besser zu ihr passen würde. Dazu muss man wissen, dass auf dem Cover nicht etwa der olle Händel, sondern ein rassiger Italiener - der Dirigent - abgebildet war.

Ich dann schnell weiter zum Späti, und da es von denen zumindest bei mir im Kiez jeden Menge gibt, müssen die sich natürlich alle irgendwie voneinander unterscheiden, und was eignet sich da besser als irgendwelche Sprüche, wie zum Beispiel der da oben mit den kalten Getränken und dem Herz der Ex.

Das mit den Getränken stimmt, die sind wirklich sehr kalt. Ob allerdings so kalt wie das Herz der Ex, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall habe ich den Leuten in dem Laden die Buntstifte gelassen, die ich am Anfang der Geschichte gefunden habe, und man hat mir versprochen, damit die nächsten Sprüche aufzuschreiben.

Ich bin gespannt!

Foto&Text TaxiBerlin

29.06.2015

"DU LUGST!"


"Lügen" haben kurze Beine und "Lugen" einen offenen Hosenstall

Ich hatte ihm mindestens zehnmal gesagt, dass es "Du lügst!" heißen muss, weil "lügen" nunmal von "Lüge" kommt, aber es war vergeblich. Er wollte einfach nicht glauben, dass man ohne Geld kein Taxi fahren kann. Das hat er doch schon immer so gemacht. Das alte Lied ...

Deswegen musste ich auch die Polizei rufen. Darauf bestand er. Vorher wollte er nicht aussteigen. Denn er war sich sicher, dass die Polizei den dummen Taxifahrer, damit war ich gemeint, und Nazi, nochmal ich, so richtig zusammenscheißen wird.

Zum Schluss würde er, also der Taxifahrer, ihn, immer noch ohne Geld, nach Hause fahren müssen. Das ist so, das wusste er ganz genau. Aber es kam anders. Denn die Polizei kam erstmal gar nicht. Damit hatte selbst er, der sonst alles wusste, nicht gerechnet.

Zumindest stieg er mir aus - aus dem Taxi. Weglaufen konnte er nicht, weil mittlerweile gleich zwei Polizeiautos da waren, die aber nichts machen konnten, weil Objektschutz. Dafür konnte ich in Ruhe diese Zeilen schreiben, und er mit seinem Handy rumspielen.

Und da muss er wohl auch "Lüge" gegoogelt haben. Auf jeden Fall kam alles anders, als von ihm vorhergesagt. Eine gute Stunde später hatte er zwei Anzeigen am Hals und durfte nach Hause laufen.

Vielleicht hätte er besser gleich am Anfang sein Handy gefragt ...

Foto&Text TaxiBerlin

ERSTES FANTREFFEN DER SELBSTZAHLER


Auf dem Weg zum Golfplatz

Gestern traf ich nicht nur Doktor Motte, sondern auch meinen ersten und einzigen Fan. Er heißt Dirk*. So viel kann ich glaube ich verraten. Bisher trafen wir uns immer an der Tankstelle. Sein, also Dirks, Trick ist übrigens, zu sagen: "Dein Gesicht kommt mir bekannt vor!" Damit hat er schon die unmöglichsten Leute kennengelernt. Zum Beispiel auch mich. Wie gesagt - an der Tankstelle.

Dort, also an der Tankstelle, haben wir uns nun schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr getroffen. Das hängt mit dem Alter zusammen, also mit meinem. Ab einem bestimmten Alter muss man nicht mehr so oft zur Tankstelle. Das "Dein Gesicht kommt mir bekannt vor!" merke ich mir trotzdem. Man weiß ja nie.

Der letzte Trick, den ich im Taxi kennengelernt habe, war der mit dem Buch. Kennt den jemand? Es war ein junger Mann, und er stieg mir früh um drei mit einem Buch ein. Was das mit dem Buch soll, wollte ich wissen. Damit lerne man besser und vor allem viel einfacher Frauen kennen, meinte er. Warum er mir alleine einstieg, dafür hatte er auch eine Erklärung, aber die habe ich schon wieder vergessen. Dafür ist das mit dem Buch hängen geblieben.

Doch zurück zu Dirk, der übrigens auch Taxi fährt, also als Fahrer, meinem ersten und einzigen Fan, den ich gestern mal wieder traf, und zwar auf dem Golfplatz. Komischerweise sind wir beide im selben Golf-Club der Selbstzahler. Mit Selbstzahler sind die gemeint, die ihre Beerdigung noch selber bezahlen. Ich weiß, das klingt irre, aber das klingen so viele normale Sache heutzutage.

Ich kann es kurz machen. Weder Dirk noch ich habe den Golf Pokal gewonnen, den wir, wenn wir ihn gewonnen hätten, auf dem Armaturenbrett unserer Taxe installieren wollten. Dazu wird es nun nicht kommen, außer wir kaufen uns einen Pokal. Das sollte kein Problem sein. Den gibt es irgendwo in der Silbersteinstraße. Dann müssten wir ihn allerdings selber bezahlen. Das ist klar.

Was den Club der Selbstzahler angeht, den gibt es wirklich, und er geht auf Nietzsche zurück, der gesagt hat "Stirb zur rechten Zeit." Übers Bezahlen hat Nietzsche nichts geschrieben, was daran liegt, dass das damals noch kein Thema war, oder "off topic", wie man heute sagen würde.

Auch wenn weder Dirk noch ich den Pokal gewonnen haben, hat sich der Besuch des Golf Turniers gelohnt. Ganz nebenbei habe ich nämlich erfahren, dass der Berliner Fritz "Jott" Raddatz auch Mitglied im Club der Selbstzahler war und seine Beerdigung demzufolge auch selbst bezahlt hat. Aber nicht nur das.

Er hat auch seinen Tot selbst bezahlt. Er ist dafür extra in die Schweiz gefahren. Vermutlich, das ist aber nur eine Vermutung, hat er "Karte und Gebiet" gelesen. Dort ist das mehr oder weniger beschrieben, wie das geht, in der Schweiz.

Leb Wohl Fritz "Jott" Raddatz! Mach' gut Dirk! Wir sehen uns bei den Dreharbeiten!**

* Dirk hat schon mal überlegt hier einen Kommentar zu hinterlassen, es aber letztendlich nie getan, weil er die Ruhe und Gelassenheit, die von meinem Blog ausgehen, nicht stören wollte. Dafür danke ich Dirk. Ein schönes Kompliment, das schwer zu toppen ist.

** Dirk plant Nachtaufnahmen mit dem Taxi. Dazu muss es aber richtig Nacht sein. Deswegen wartet er auf den Winter. Und ich warte mit.

Foto&Text TaxiBerlin

28.06.2015

IM TAXI MIT DOKTOR MOTTE


Doktor Motte im Taxi

Heute morgen schloss sich ein Kreis, und es begann mit einem Döner, aber eigentlich mit einer Taxifahrt. Vor etwa zehn Jahren. "Am Anfang war der Döner" - ein schöner Anfang für ein Buch. Leider schreibe ich hier nur einen Beitrag, und zwar folgenden:

Ich stand am Hackeschen Markt und aß einen Döner vom an der Taxihaltestelle befindlichen Türken meines Vertrauens, dem "All in one Döner". Da die Speisung des Taxifahrers noch nicht abgeschlossen war, ließ ich bereits Fahrgäste in die Taxi hinter mir einsteigen, was aber OK war, denn der Kollege wollte sowieso schon vordrängeln.

Was ich nicht wusste, was ich aber in dem Moment begriff, war, dass alles, was  am gestrigen Abend geschah, einem größeren Plan folgte. Ich hatte gerade den letzten Dönerbissen im Mund, da bog kein geringerer als DJ Doktor Motte, der Erfinder der Love Parade, mit seinem kleinen aber schweren Wagen voller Platten um die Ecke.

Ich erkannte ihn sofort, was daran lag, dass er mir vor zehn Jahren schon einmal im Taxi saß. Dazu später mehr. Doktor Motte grüßte für die späte Stunde, es war ziemlich genau zwei Uhr morgens, ordnungsgemäß mit "Guten Appetit", was leider unerwidert bleiben musste, da ich noch am letzten Bissen von meinem Döner kaute.

Kaum im Taxi, beklagte sich Doktor Motte, dass es hier nach Döner riechen würde, wofür ich mich natürlich sogleich, jetzt konnte ich wieder sprechen, entschuldigte. Zeitgleich rissen wir beide unsere Fenster auf, und die Angelegenheit war damit gegessen. Doktor Motte wollte wissen, ob ich wegen dem CSD gut zu tun gehabt hätte.

Dazu konnte ich nichts sagen, weil ich mich von dem, ich schrieb gestern darüber, fern gehalten hatte. Das sei nicht meine Zielgruppe. Außerdem fahre ich nur noch Einzelpersonen, nach Möglichkeit Akademiker, und nur mit Doktor-Titel. Ob ich ihn mal meine Lieblingsmusik vorspielen darf, fragte ich ihn, was ein Fehler war.

Berliner fragen nicht, Berliner machen einfach, womit er Recht hatte. Das war un-professionel oder besser un-berlinerisch von mir. Ich musste nicht überlegen, was zu dieser Fahrt passt. Es war das zweite Lied auf der einliegenden CD. Das Stück heißt "Molto vivace", ist knapp elf Minuten lang, und würde also bis zum Wedding reichen.

DJ Doktor Motte erkannte natürlich sofort Beethovens Neunte, das war keine Überraschung, schließlich ist er Doktor. Seine Mutter höre gerne die späten Streicher von Beethoven, was ich mir sofort zwecks Nachhören notierte. DJ Doktor Motte erkannte aber nicht nur die Neunte, sondern bald auch die Aufnahme.

Es war die vom 25. Dezember 1989 im Schauspielhaus, heute Konzerthaus, am Gendarmenmarkt, die, wie auch die Zeit damals, eine unglaubliche Energie hat, was man auch hört. Es war die Zeit, als in Berlin alles möglich war. DJ Doktor Motte dirigierte hinter mir in der zweiten Reihe mit. "Luft dirigieren" - wenn es sowas gibt.

Das Orchester ist ein Mix von Mitgliedern der Staatskapelle Dresden, dem Orchester des Kirow-Theaters Leningrad, dem London Symphony Orchestra, den New York Philharmonics und dem Orchestre de Paris. Der Chor ist der des Bayrischen Rundfunks, des Rundfunkchors Berlin (DDR) und dem Kinderchor der Dresdner Philharmonie.

Dirigiert wird das ganze von Leonard Bernstein, und das auch gut, aber Karajan hätte es natürlich besser gemacht, da waren DJ Doktor Motte und ich uns einig. Als er Karajan ins Spiel bringt, musste ich ihm sogleich den Witz erzählen, wo Karajan in ein Taxi steigt, aber das Fahrziel vergessen hat. Wo sollte der Taxifahrer ihn aber hinfahren? Egal, er - Karajan - würde überall gebraucht!

Bei Doktor Motte war das Fahrziel klar, irgendeine kleine Seitenstraße am S- und U-Bahnhof Wedding. Er hat 'ne Zeit lang in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg, auch bekannt als Castingallee, gewohnt, sei aber nie dort angekommen, was ich sehr gut verstand, obwohl ich da gelegentlich ankomme, also mit dem Taxi jetzt.

Nun sei Doktor Motte, der schon immer und ewig mit dem Taxi nach Hause oder zum nächsten Auftritt fährt, wieder zurück in den Westen, genauer Wedding, gezogen, denn dort komme er her. Dort kennt er sich aus. Dort kennt man ihn. Das kann ich bestätigen.

Vor etwa zehn Jahren saß mir Doktor Motte nämlich schon mal im Taxi, und dort wußte er, wie der Mehringplatz am Halleschen Tor früher hieß, was nicht viele wissen, und zwar Belle Allianz Platz. Damals wollte ich ihn deswegen loben, aber gleichzeitig auch etwas necken, als ich ihn fragte, ob er denn ein Kollege von mir sei.

Damals konnte Doktor Motte, der am Mehring- alias Belle Allianz Platz groß geworden ist, nicht darüber lachen. Gestern schon. Dort wo er jetzt wohnt, also die kleine Seitenstraße im Wedding, wohnen übrigens neben Doktor Motte auch noch andere ganz normale Leute, und ich habe sie, glaube ich, heute morgen um zehn nach zwei alle noch kennengelernt, denn sie waren alle noch auf der Straße.

Sie waren aber nicht alle nur einfach so auf der Straße, sondern ich hatte fast den Eindruck, dass sie alle auf DJ Doktor Motte warten würden, damit ihre Party, eine türkische Hochzeit, endlich losgehen könne. Auf jeden Fall wurde er von allen per Handschlag begrüßt, weswegen ich mich in eine lange Schlange einreihen musste, um mich von ihm angemessen auf dieselbe Art verabschieden zu können.

Leb wohl, Doktor Motte! Lass es Dir gut gehen und bis bald mal wieder bei Beethoven & Co im Taxi!

Foto&Text TaxiBerlin