24.04.2015

ES MUSS NICHT IMMER DIE WEITE WELT SEIN


Schwarzes Brett / Flughafen Tegel (TXL)

Es muss nicht immer die weite Welt sein. Ich fahre auch gerne mal einfach so zum Flughafen. Neulich zum Beispiel, genau genommen vorgestern, war ich sogar mit dem Fahrrad dort. Das stimmt wirklich. Erstmal war das Wetter schön. Dann war ich sowieso in der Gegend wegen einem Termin. Ich habe in letzter Zeit viele Termine. Deswegen komme ich auch kaum noch zum Taxifahren.

Mein Fahrrad habe ich direkt neben der "Pilotenbude" an einem Laternenmast angeschlossen. Die "Pilotenbude" ist der kleine Imbiss für Taxifahrer gleich rechts wenn man am Flughafen reinkommt, und bevor es zum Terminal C geht. Von dort startete ich meine obligatorische Flughafenrunde, d.h. ich bin zu Fuß hoch zu dem kleinen Taschenbuchladen am Haupteingang, was am Terminal B ist, wo die Busse halten.

Die Verkäuferinnen fragen mich dort immer, ob sie mir was empfehlen können. Ich sag dann meist "Nein", weil ich ja lesen kann. Manchmal frage ich sie auch, ob ich ihnen was empfehlen soll. Aber nur wenn ich gut drauf bin, so wie vorgestern. Da erzählte der Frau, was ich so alles für Bücher lese, weswegen sie gar nicht mehr zum Verkaufen kam, was ja heutzutage das wichtigste ist.

Ich bin dann schnell weiter durchs Terminal A, was ein Kreis mit vielen Ecken ist, aber gegen den Uhrzeigersinn. Das ist wichtig! Sonst macht es keinen Sinn. Manchmal lasse ich mich von der Tante ansprechen, die jedem der vorbeikommt, eine Kreditkarte schenken möchte. Das sei alles ganz einfach und sogar kostenlos, also die Karte. Die Beratung natürlich auch. Zum Schluss habe ich ihre Karte dann doch nicht genommen. Ich habe ja gar kein Geld dafür, wo ich doch kaum noch zum Arbeiten komme.

Wo ich gerade beim Geld bin. Am Flughafen Tegel gibt es sowohl kostenfreie als auch kostenpflichtige Toiletten. Da muss man höllisch aufpassen, dass Mann und auch Frau da nicht verkehrt geht. Dass da noch keiner auf die Idee gekommen ist, einen eigenen Führer für die Toiletten rauszubringen. Das ist eine echte Marktlücke. Damit sollte sich die Tante mal beschäftigen, und nicht mit ihren Kreditkarten!

Irgendwo am Gate neun oder zehn wird es plötzlich eng. Da stehen so viel Leute mit ihren Rollkoffern, da komme ich gar nicht vorbei. Zum Glück hab' ich das Fahrrad an der "Pilotenbude" gelassen. Aber selbst ohne Fahrrad geht es nicht. Ich muss raus auf die Straße, wo eine Politessin gerade Strafzettel an die parkenden Autos verteilt. Knöllchen für parkende Rollkoffer gibt es wohl noch nicht?

Am Ende vom Terminal A darf man nicht den Abgang zum Terminal E verpassen. Das ist einfacher, wenn man, so wie ich, zurück zur "Pilotenbude" will. Bevor es rausgeht kommt man noch am Sperrgepäckschalter vorbei, wo immer die verrücktesten Leute sitzen. Die darf man auf keinen Fall verpassen, sonst war man nicht in Tegel! Und dann hat man es auch fast schon geschafft.

Ich gehe dann meist noch bei den Autovermietern vorbei und sage "Hallo", nur neulich nicht. Sonst hätte ich rausgefunden, dass man für die dortige Toilette jetzt einen Schlüssel braucht. Zurück an der "Pilotenbude" habe ich erst einmal einen Kaffee getrunken. Fast alle Taxifahrer schauen dort auf die Monitore, um zu wissen, wo sie hinmüssen. Mich interessiert das nicht. Ich weiß ja, wo ich hin will.

Neulich fragte ich einen Kollegen, was er denn auf den vielen Monitoren sehe. Er sehe, dass er überall hinfahren könne, war seine Antwort. Aber das wusste er doch schon vorher, oder? Er schaute mich "ungläubig" an, weswegen ich schnell weiter ging zum Schwarzen Brett nebenan, so wie jetzt (Foto). Und das hat sich ohne Frage gelohnt, das muss ich schon sagen. Da ist wirklich ein Fahrer samt Taxi verschwunden. In Berlin - einfach so!

Dann werde ich bei der Rückfahrt mal die Augen offenhalten ...

Foto&Text TaxiBerlin

23.04.2015

DAS TREFFEN


Marienburger Straße / früher Prenzlauer Berg / heute Pankow

Er war noch etwas verwirrt, als er mir neulich ins Taxi stieg. Das lag daran, ließ er mich sogleich wissen, dass er seinen Freund wiedergesehen habe, der viele Jahre lang keinen Kontakt zu ihm hatte. Genau genommen war der andere nicht nur irgendein Freund, sondern war sein bester Freund gewesen, aber das ist lange her.

Er könne gar nicht genau sagen, was passiert sei. Eigentlich wollte er den Freund heute fragen, was er sich dann aber nicht getraut habe, weil er Angst hatte, gleich wieder alles kaputt zu machen. Es wäre natürlich das Normalste von der Welt gewesen, den Freund von früher direkt darauf anzusprechen, das wisse er auch.

Er habe das auch schon mal versucht, vor ein paar Jahren, am Telefon - allerdings ohne Erfolg. Einmal stand er sogar vor der Tür des Freundes, um mit ihm zu reden. Der hat ihm aber nicht aufgemacht, obwohl er zu hause war. Jetzt ist der Freund zu ihm gekommen, genauer gesagt: er hat jemanden geschickt, um fragen zu lassen, ob man sich mal wieder sehen könne.

Er solle die alten Zeiten ruhen lassen, hat der Freund heute zu ihm gesagt. Dabei war es nicht so, dass die ganze Geschichte nichts mit ihm zu tun haben würde. Das wusste er von anderen, bei denen sich der Freund all die Jahre über ihn ausgelassen habe. Genaues wusste er aber nicht. Da müsse er den Freund fragen, meinten die anderen. Wie das halt immer so ist ...

Er war, wie gesagt, hin und her gerissen. Auch deswegen wollte er wohl von mir wissen, wie ich die Sache sehen würde. Was sollte ich ihm sagen? Dass es, wie so oft im Leben, kein Richtig und kein Falsch gibt? War es das, was er hören wollte? Und falls nicht, was sollte ich ihm dann sagen? Meine ehrliche Meinung? Oder was ich dafür hielt?

Er solle mal in Ruhe überlegen, wie wichtig ihm die Freundschaft unter den gegebenen Umständen sei. Immerhin habe sich der Freund gegenüber den anderen über ihn ausgelassen, vor denen er jetzt, wenn ich die Sache richtig verstanden habe, als Depp dastehe. Alleine deswegen würde ich den Freund darauf ansprechen.

Er könne das nicht, er habe Angst! Angst zu haben ist menschlich, aber wovor genau habe er Angst? Angst um die Freundschaft! Welche Freundschaft? Na die zu dem Freund? Aber das ist keine Freundschaft! Was ist es dann? Keine Ahnung - aber hält er den anderen wirklich für seinen Freund? Eigentlich nicht ...

Er habe ihn enttäuscht und enttäusche ihn immer noch. Und was ist eine Enttäuschung? Woher soll er das wissen?

Ich sagte es ihm.

Foto&Text TaxiBerlin

22.04.2015

DIE PSYCHOLOGIE VON BERLIN MITTE


Tucholskystraße / früher Mitte / heute Neue Mitte

Bis gestern musste vor allen Dingen der nach Mitte, der 'ne Galerie aufmachen wollte. Heute, ganz nach dem Motto: "Berlin - täglich neu!", ist das natürlich schon wieder ganz anders. Heute muss der nach Mitte, der 'ne Psychotherapeutische Praxis aufmachen will. Vielleicht ziehen die Therapeuten auch einfach nur den Künstlern hinterher, denn (das ist jetzt nichts Neues, das steht in jedem Handbuch für Therapeuten) Kunst ist bekanntlich Neurose.

Angesichts des güldenen Therapeutenschildes (Foto) neige ich zu der Annahme, dass die Therapeuten weniger den Künstlern sondern mehr dem Geld hinterhergezogen sind. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass in Mitte nicht nur die Therapeuten gülden sind, sondern auch ihre Psychologie, denn wenn Kleider früher Leute machten, machen Schilder heute ganze Psycho- und Philosophien.

Was heißt das jetzt für Dich, der Du vielleicht gerade in seelischer Not bist, aber nicht mit 'nem güldenen Löffel geboren wurdest? Du bist mit Sicherheit in Mitte verkehrt! Aber nicht nur, weil Du keine Kohle hast. Nein, das ist nicht der Punkt. Es ist vielmehr so, dass die Psychologie in Berlin Mitte eine ganz andere als die uns bekannte ist. Möglicherweise, das ist aber nur eine Vermutung, hat sie sogar mit der uns bekannten Psychologie rein gar nichts mehr zu tun.

Foto&Text TaxiBerlin

21.04.2015

"DU BIST EIN FI❥❥ER!"


"Fier" auf berlinerisch

Oft haben die jungen Leute von heute Probleme, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Warum das den beiden, die sich gerade in meiner Taxe zofften, anders war, kann ich nur vermuten. Entweder lag es daran, dass sie doch älter waren als von mir gedacht (das Alter ist heute oft schwer zu schätzen), oder dass sie Berliner waren, woran ihr Dialekt keinen Zweifel ließ.

Kaum hatten sie auf dem schwarzen Kunstleder Platz genommen und mir ihr Fahrziel genannt, ging der Disput auch schon weiter, den sie offensichtlich schon vor der Taxifahrt ausgiebig geführt hatten, weswegen ich zum Glück nur das Finale mitbekam. Sie war der Meinung, dass er "Ein Fier" sei, weil er immer mal wieder was mit 'ner anderen hat, was er nicht mehr bestreiten konnte oder wollte.

Jetzt war ich gefragt. Genauer gesagt, war sie es, die von mir (ausgerechnet von mir!) wissen wollte, was ich davon halten würde. Ich überlegte, was ich, der "Herr Taxifahrer", ihr antworten sollte. Prinzipiell gibt es da immer zwei Möglichkeiten: Entweder das, was die Leute hören wollen, oder eben das, was man wirklich denkt, was in der Regel von dem, was sie hören wollen, abweicht.

Hm, schwierig, meinte ich. Weiter kam ich nicht, denn dann musste sie schon wieder reden. Sie störe nicht so sehr, dass er was mit anderen Frauen habe, wie neulich mit Melanie, schließlich sei er ein Mann, und bei Männern ist das nunmal so. Es kotze sie nur an, dass er sie verarsche und nicht ehrlich zu ihr ist. Schließlich sehe er sich ja auch regelmäßig Pornos an, wogegen sie auch nichts habe.

Nur, mit anderen Frauen rummachen, sei eben was anderes. Aber selbst damit könnte sie leben, sie wolle bloß nichts davon mitbekommen, und ob er sich das vorstellen könne? Da er nichts sagte, fragte sie noch einmal mich, was ich davon halten würde.

Hm, was sollte ich nun dazu wieder sagen? Ich versuchte es mit der Wahrheit: Hört sich für mich nach einem praktikablen Kompromiss an, wenngleich nicht ganz sauber, aber so ist das Leben wohl nunmal ...

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19.04.2015

IM TAXI MIT TUVIA TENENBOM



Tuvia kam vom "Yoga in English", und obwohl die Fahrt nicht weit war, kamen wir ins Gespräch. Tuvia, wer ihn nicht kennt, ist bekannt geworden durch sein Buch "I Sleep in Hitler's Room", womit, wenn ich es recht verstehe, Deutschland gemeint ist, und was auf Deutsch "Allein unter Deutschen" heißt. Warum der Titel so übersetzt wurde, konnte mir selbst Tuvia nicht erklären, der sich diesmal nicht als Deutscher ausgab, was er sonst gerne tut.

Tuvia, so viel kann ich gleich mal verraten, geht es ausgezeichnet, was von jemandem, der ständig in "Hitler's Room" schlafen muss, nicht unbedingt zu erwarten gewesen ist. Tuvia ist in Israel geboren und lebt eigentlich in den USA. Ich bin mir nicht sicher, ob ich erwähnen darf, dass Tuvia Jude ist. Andererseits, wenn ich es nicht tue, das habe ich aus Tuvias Büchern gelernt, mache ich mich auch wiederum verdächtig.

Die Kernaussage von Tuvias "I Sleep in Hitler's Room" alias "Allein unter Deutschen" ist, dass SIE, also ALLE Deutschen, "antisemitisch und rassistisch bis ins Mark" sind. An anderer Stelle spricht Tuvia von ACHTZIG Prozent der Deutschen, was damit zusammenhängt, erklärt mir Tuvia, der sich selbst gerne als "Trockenen Intellektuellen" (nicht "Trockener Alkoholiker" - Kleines Wortspiel!) bezeichnet, dass er kein Deutsch sondern Jiddisch spricht, was zu 80 Prozent Deutsch ist, wenn ich es richtig verstanden habe.

In dem Punkt konnte ich Tuvia auf jeden Fall beruhigen, und zwar deswegen, weil ich ja nur halber Deutscher bin, wenn überhaupt, weswegen man die 80 Prozent schon mal halbieren kann, womit wir bei, übern Daumen gepeilt, 40 Prozent "Antisemit und Rassist" für mich wären. Wie es sich jetzt verhält, wenn zum Beispiel meine deutsche Vorfahren Kommunisten gewesen wären, wollte ich von Tuvia wissen, und ob ich da ein wenig Prozentabzug bekäme?

Und dann ist wirklich was witziges passiert. Erst einmal wollte Tuvia ganz genau wissen, wer von meinen deutschen Vorfahren Kommunist war, wie lange in der Partei, inwieweit überzeugt, ob im Widerstand oder im Exil usw. ... Und plötzlich holt Tuvia seinen Taschenrechner raus, fängt an zu rechnen und kommt auf einen Wert von 8,7 % Antisemit und 6,9 % Rassist, was zusammen 15,6 % für mich machen, womit ich, wenn ich ganz ehrlich sein soll, gut leben kann.

Das Finale war mehr oder weniger erwartbar, denn ich wusste bereits aus seinen Büchern, dass Tuvia gerne spart, beispielsweise beim Übergepäck, aber auch bei Stadtführungen und selbst beim Essen. Zugegeben, und wie ich bereits eingangs erwähnte, es war keine weite Fahrt. Um genau zu sein, war es schon eine ziemlich kurze Strecke, aber eben keine Kurzstrecke, worauf Tuvia bestand.

Dann hätte er aber einer Taxe winken müssen, und die hätte dann auch für ihn halten müssen (was in dieser kleinen Straße und nach "Yoga in English" nicht zu empfehlen ist), und mich nicht bestellen dürfen. So sind nun mal die Spielregeln in "Hitler's Room" alias "Germany" - Antisemit hin und Rassist her ...

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18.04.2015

alle reden über UBER, aber niemand über BER


"Airport Night Run" - heute auch in Kreuzberg

Heute Abend findet der neunte "Airport Night Run - Lauf entlang des beleuchteten BER" statt, dessen Strecke über die Start- und Landebahn des BER sowie über das Vorfeld mit Blick auf das Terminal, das Pier Süd und den Tower verläuft. Diesen "Run auf dem Airport" nehme ich zum Anlass, über den "Run auf den Airport" zu schreiben.

Bevor es losgeht ein kurzer Einschub zur Begriffsklärung: UBER, ganz genau UBER POP, versteht sich als innerstädtische "Mitfahrgelegenheit", was sie aber nicht sind, weil sie auf Gewinn ausgerichtet sind, von dem vor allem sie selbst profitieren. Der Fahrgast spart zwar etwas Geld, ist dafür aber auch schlechter versichert. Der Fahrer bekommt natürlich auch weniger als ein Taxifahrer, ist sozial schlechter abgesichert, und braucht dazu noch ein eigenes Auto, dafür aber keine Ortskenntnisse wie ein Taxifahrer, weswegen es für viele überhaupt erst interessant wurde.

Jetzt geht es los: Endlich, könnte man fast sagen, ist UBER, das Unternehmen aus dem fernen San Francisco und der Feind vieler Taxifahrer, auch in Berlin, zumindest vorerst, gebannt. Über Monate sah es so aus, als gäbe es innerhalb des Taxigewerbes nur ein Thema: UBER. Dabei ist das Thema ernst, sehr sogar, keine Frage. Aber, und das gilt es zu bedenken, UBER ist nur ein Kriegsschauplatz von vielen auf dem globalen Schlachtfeld von Sozialabbau (zu Lasten sozial Schwacher - versteht sich) und Umverteilung (zu Gunsten immer weniger Reicher - auch das versteht sich).

Die Folge von Umverteilung und Sozialabbau, ist, dass immer weniger Menschen von ihrer Hände Arbeit, Taxifahren ist da nur ein Beispiel, leben können, und zusätzlich "aufstocken" müssen. Auch das Gesetz zum Mindestlohn hat daran nichts prinzipiell geändert, denn, auch hier ist das Taxigewerbe nur ein Beispiel, dies wird immer wieder durch Tricks wie Wartezeit gleich Pausenzeit, also keine Arbeitszeit, ausgehebelt, und das Motto dabei ist: "Sei klüger als der Betrüger!"

Doch zurück zu UBER, die natürlich selbst dran Schuld sind, dass sie nicht nur unter Taxifahrern zum Thema Nummer Eins wurden. Da haben sie nun schon so viel Geld (der Gesamtwert des Unternehmens soll 40 Milliarden Dollar betragen), und trotzdem wissen sie sich nicht zu benehmen (Stichwort: "Ein Arschloch namens Taxi", so Uber-Chef Kalanick über das Taxigewerbe). Aber das kommt vor, nicht nur unter Taxifahrern, sondern offensichtlich auch in der sogenannten "ehrenwerten" weil "besserverdienenden" Gesellschaft.

UBER selbst bot sich als Zielscheibe aber auch geradezu an, und zwar deswegen weil UBER erst einmal weit weg ist, aber auch, weil UBER so "Big" ist, dass jeder, der etwas gegen UBER sagt oder gar schreibt, automatisch von der Größe seines Gegners profitiert konnte, und wenn auch "nur" zur Schärfung des eigenen unscharfen Profils, frei nach dem Motto: "Schau mal, der traut sich aber was!"

Nichts gegen Leute, die sich was trauen - ganz im Gegenteil! Aber was trauen sich Berliner Taxifahrer und ihre Interessenvertreter in Sachen neuer Flughafen BER? Zugegeben, der ist auch weit weg, aber eben nur zeitlich. Es wird ihn eines schönen Tages geben, und zwar direkt vor unserer Haustür. Schon heute bewältigt der alte Flughafen am Standort Schönefeld (SXF) etwa ein Viertel des gesamten Aufkommens von Berlin, was in den ersten zehn Monaten des Vorjahres immerhin gut sechs (6.000.000!) Millionen Fluggäste waren.

Gut, nicht jeder Fluggast fährt mit dem Taxi, aber so gut wie jeder, der ein Taxi nimmt, fährt nach Berlin rein, und nicht nach Zossen oder KW (Königs Wusterhausen). Nur, die Fahrer des Landkreises nehmen nicht nur einen höheren Tarif, was ihnen unbenommen sei, sondern sie haben in der Regel auch keine Ortskunde für Berlin. Meist sind die Fahrer zwar aus Berlin, nur sind sie eben auch fast alle an der vergleichsweise anspruchsvollen Ortskundeprüfung für Berlin gescheitert, weswegen sie es vorziehen mit ihrem im Landkreis zugelassenen Taxi nach Berlin reinzufahren.

Wir haben also in Schönefeld (SXF) in Sachen Ortskunde genau die Situation, die Gerichte bei UBER POP, zumindest vorerst, gestoppt haben, und zwar massenhaft Fahrer ohne Ortskunde, aber nicht etwa im Privatauto, sondern im Taxi bei höherem Tarif. Denn jetzt mal ehrlich: Warum sollte ein Fahrer sein Privatauto rausholen, in dem er schlechter abgesichert ist und darüber hinaus noch weniger verdient, wenn er auch ohne P-Schein für Berlin mit einem schicken Taxi in der Metropole unterwegs sein kann? (Nur mal nebenbei: Wenn Fahren ohne Fahr-Schein "Erschleichung einer Leistung" - also eine Straftat ist, was genau ist dann Fahren ohne Taxi-Schein?)

Ich will mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass das weltweit einmalig ist, dass an einem Hauptstadtflughafen nur Taxen das Laderecht besitzen, deren Fahrer keine Ortskunde für die Hauptstadt haben. OK, es gibt ähnliche Merkwürdigkeiten auch in unserer Stadt. Beispielsweise, dass es am offiziellen Haupteingang des Flughafen Tegel, der ist am Terminal B, keine offizielle Taxihaltestelle gibt. Dabei, einige werden sich erinnern, gab es dort durchaus auch einmal eine ausgeschilderte Haltestelle für Taxis, allerdings nur bis zur Einführung der Gebührenpflicht für Taxen. Dann wurden die entsprechenden Schilder kurzerhand abgeschraubt, was aber eine andere Geschichte ist.

Für mich, der ich seit mehr als zwanzig Jahren in Berlin "on the road" bin, ist Taxifahren nicht einfach nur irgendein Job. Nein, für mich ist Taxifahren Kunst, und das meine ich Ernst! Das ist auch der Grund, warum ich solche Geschichten, wie ohne Ortskunde Taxi fahren, nicht witzig finde. Das ist ungefähr so, als wenn Leute schreiben wollen, aber die Sprache gar nicht sprechen.

Ich finde solche Geschichten traurig. Traurig vor allem für den Fahrgast, der für diesen Blödsinn auch noch bezahlen soll, aber auch traurig für die Taxifahrer vom Flughafen Schönefeld*, die, aber das ist nur eine Vermutung von mir, vielleicht sogar darauf spekulieren, dass man ihnen die Ortskundeprüfung für Berlin eines Tages erlässt, um überhaupt eine Einigung mit dem Landkreis zu erzielen. Es gab schon einmal eine ähnliche Situation, und zwar nach dem Mauerfall, als man den Berlinern Taxifahrern die Prüfung für den jeweils anderen Teil der Stadt erlassen hat.

Die Taxifahrer des Landkreises und die Berliner Taxifahrer haben, auch Dank UBER&Co, aber eben nicht nur, dasselbe Problem. Beide können immer weniger von ihrer Hände Arbeit leben, was auf gut Deutsch eine Riesensauerei ist. Gut dagegen ist, dass es beim Taxifahren, und deswegen fahre ich unter anderem auch Taxi, im Gegensatz zu vielen anderen Branchen, im Großen und Ganzen egalitär zugeht. Die von mir beschriebene Situation ist aber genau das Gegenteil davon, sie ist elitär und darüber hinaus noch unfair, denn sie bevorzugt einseitig Fahrer ohne Ortskunde denen mit.

Was die Lösung des Problems angeht, so sehe ich nach wie vor keine andere, als die von mir bereits vor Jahren formulierte. Frankfurt am Main, wo sich der Flughafen ursprünglich auch außerhalb der Stadt befand, und zwar in Mörfelden/Walldorf, hat es vorgemacht.

Seien wir realistisch und fordern das Unmögliche: Die Eingemeindung vom Flughafen BER nach Berlin!

* Mein Tip für die Fahrer vom Landkreis: Ich würde mich nicht drauf verlassen, dass man euch die Prüfung erlässt. Deswegen nutzt besser die Zeit und macht den Taxi-Schein für Berlin, wenn ihr in Berlin fahren wollt!
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17.04.2015

TO GO OR NOT TO GO ?


Das ist die Frage!

Der ein oder andere wird sich jetzt fragen, warum ausgerechnet ich als Taxifahrer etwas zum Thema "Gehen" im Sinne von "Laufen" (und nicht im Sinne von "Fahren", wie von englischsprachigen Fahrgästen immer wieder angenommen bzw. behauptet - Stichwort: "we go ... "), zu sagen habe. Das hängt damit zusammen, dass ich eigentlich ein "Geher" bin, also von Natur aus. Das mit dem "Fahren" hat sich irgendwie später ergeben, wurde mir also nicht in die Wiege gelegt. Ganz genau war es so, dass ich früher, also bevor ich mit dem Taxifahren anfing, sämtliche Strecken in der Stadt, die ich heute mit dem Taxi fahre, locker abgelaufen bin.

Das war eigentlich sehr schön damals, das muss ich schon sagen. Klar, manchmal nervte der Verkehr schon, dafür sind die Bürgersteige aber in der Regel breit genug, dass man sich zumindest als Fußgänger irgendwie aus dem Weg gehen kann, vorausgesetzt es funkt kein Fahrrad dazwischen, was heute viel öfter passiert. Prinzipiell ist mein Eindruck, dass früher mehr gelaufen wurde, auch in Berlin, selbst wenn sich das viele heute gar nicht mehr vorstellen können.

Viel früher, also kurz nach dem Krieg, sind die Leute sogar durch die ganze Stadt gelaufen, nur um etwas zu essen zu finden. Und wenn sie was gefunden hatten, manchmal fanden sie auch nichts, mussten sie den ganzen Weg wieder zurück, beispielsweise von Lichtenberg nach Charlottenburg und zurück. Das musst Du dir mal vorstellen!

Ich weiß, das ist schwer, also das mit dem Vorstellen, und besonders das mit dem durch die halbe Stadt wegen was zu essen, wo es heute an jeder Ecke irgendwas "to go" gibt, wogegen auch gar nichts zu sagen ist, wenn die Leute denn mit ihrem "to go" in der Hand auch mal wirklich ein Stück laufen würden. Und damit meine ich nicht die hundert Meter vom Bäcker zur nächsten Bank oder Haltestelle!

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16.04.2015

DIE KULTUR DER AFFEN


Auf dem Kopf stehend

Seitdem ich bekannt bin wie ein bunter Hund und auch immer öfter auf der Straße selbst ohne Taxe angesprochen werde, bekomme ich alle möglichen und auch unmöglichen Einladungen, was für mich, der zwar noch nicht zum alten Eisen aber schon zu den älteren Semestern zählt, die sich so durchs Leben schleppen, auch eine Art Déjà-vu an bessere Zeiten ist, die sowohl Berlin als auch ich mal gesehen haben. Das ist eigentlich das schönste am Alter: Das Langzeitgedächtnis!

Apropos! Fällt mir gerade ein. Ich war vor vielen Jahren schon einmal ins "Haus der Kulturen der Welt" eingeladen. Damals ging es, so weit ich mich erinnere, um afrikanische Liegemöbel. Eröffnet wurde die Ausstellung mit einem einstündigen wissenschaftlichen Vortrag, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt: In Afrika gibt es bequeme Liegemöbel, weil die Bewohner Afrikas es gerne bequem haben.

Jetzt bin ich natürlich gespannt, was es mit der Ausstellungen "Kultur der Affen" auf sich hat. Anfangs dachte ich an einen Witz, weil ich nicht wusste, dass auch Affen eine Kultur haben. Dann dachte ich an einen Werbetrick, und dass man von dem letzten Planet-der-Affen-Film profitieren will. Zum Schluss fielen mir glücklicherweise die vielen Affen ein, die ich schon bei mir in der Taxe hatte, und spätestens dann war klar, dass das kein Witz ist. Die Ausstellung "Kultur der Affen" im "Haus der Kulturen der Welt" gibt es wirklich, genauso wie es den "Einzugs der Barbaren" nach Berlin gibt.

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15.04.2015

NICHTS NEUES IN DER NEUEN MITTE


Rosenthaler Str. / Mitte / Moos (Schaufensterauslage)

Alle reden von Kreuzkölln (offiziell das "Grenzgebiet" zwischen Kreuzberg und Neukölln), aber wer weiß schon, dass damit der Reuterkiez gemeint ist, der durch die Sonnenallee, den Kottbusser Damm, die Wildenbruchstraße und den Kanal begrenzt wird, und sich, wenn man genau ist, zu einhundert Prozent in Neukölln befindet.

Der Görlitzer Park, wo man hin muss, wenn man Drogen kaufen will, und wo mir das Paar, er angehender Arzt, sie studierte Mode-Designerin, von auswärts einstieg, gehört nicht mehr zu Kreuzkölln, sondern ausschließlich zu Kreuzberg (heute Friedrichshain-Kreuzberg) und trotzdem ist es die Neue Mitte. Da waren sich die beiden einig.

Normalerweise bin ich vorsichtig, wenn Leute, die neu sind, mir meine Stadt erklären wollen. Die Wohnungen am Görlitzer Park, übrigens völlig egal ob zur Miete oder zum Kaufen, sind aber wirklich teurer als in Mitte, wo sich das junge Paar auch schon Wohnungen angesehen hat, und wo schon lange gilt: Ohne Moos nichts los!

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14.04.2015

DER EINZUG DER BARBAREN


Jetzt auch in meiner Straße

Manchmal muss ein Titel einfach nur knallen! Und dann darf er auch geklaut sein. Das kriegt sowieso keiner mit. In diesem Fall habe ich noch etwas am Titel gearbeitet, und aus "Invasion der Barbaren" den "Einzug der Barbaren" gemacht, weil der besser zu Berlin passt, denn hier wird ja ständig ein-, aus- und umgezogen, vorausgesetzt, man kann es sich noch leisten, denn bei jeder Neuvermietung steigt ja heutzutage automatisch der Mietpreis.

Früher sind die Leute immer nur zum Monatsende- bzw. -anfang umgezogen. Das ist heute ganz anders, da wird morgens, mittags, abends umgezogen, und auch mittendrin. Und noch etwas ist anders. Heute hinterlassen die Leute dabei Dinge (Foto), die wirklich kein Mensch gebrauchen kann. Das kannst Du mit damals, also mit meinerzeit, gar nicht vergleichen. Da konntest Du dich mit den Sachen, die die Leute zurückließen, komplett neu einrichten.

So ein Einzug, und das ist vielleicht der größte Unterschied zu früher, ist heute ein schleichender und sehr subtiler Prozess. Hm, wie soll ich das jetzt wieder erklären? Vielleicht so: Also was da in meiner Straße liegt, hätte man früher sicherlich humorvoll einfach "Hausordnung" genannt. Ich beispielsweise habe gleich zwei "Hausordnungen" immer bei mir im Taxi, und zwar ist das meine Peitsche, das ist den meisten bekannt, und einen Holzhammer für die schweren Fälle.

Heute stellen die Leute nichts mehr raus, was Du noch gebrauchen könntest, und den Quatsch, den sie loswerden wollen, werfen sie dir darüber hinaus auch noch stillos vor die Füße. Aber nicht nur das! Was viel schlimmer ist, und das merke ich auch im Taxi, die Leute sind dazu auch noch völlig humorlos geworden. Aber die sind doch immer so gut drauf, höre ich dich schon sagen. Das stimmt, gut drauf sind sie, und das sogar permanent. Und vielleicht ist ihre ständige gute Laune sogar der Grund für ihre Humorlosigkeit.

Foto&Text TaxiBerlin